Leute und Geschichten aus dem Odenwald

 

 

 

Adam Karrillon

Der Arzt und Schriftsteller Adam Karrillon, Sohn eines armen Dorfschulmeisters aus Wald-Michelbach , ist einer der eindrücklichsten Chronisten des Odenwaldes. Für seine realistischen Romane und Erzählungen wurde ihm 1923 der erste Büchner-Preis verliehen. Noch heute der renommierteste deutsche Literaturpreis .

- Chronist des Odenwaldes

Sein Leben lang zog es ihn in die Ferne. Sein armseliges Elternhaus bot Anlaß genug, sich davon wegzuträumen und ließ ihn doch nicht los.

Nicht wenige Ziegel aber stürzten herab, und es kam der Regen, drang durch die Lücken, durchfeuchtete den Lehmboden des Speichers und malte auf den Plafond des Wohnzimmers die verwegendsten Landkarten. Zu diesen unerforschten Ländern blickte ich hinauf, wenn ich an den schneeigen Winterabenden hinter dem Ofen sass, die Beine auf dem Ofenstein vor mich ausstreckte und meine Strümpfe an den Füssen trocknete.

Als Arzt in Weinheim konnte Karrillon später seine Traumreisen realisieren. Er besuchte Griechenland und Jerusalem, fuhr als Schiffsarzt um die halbe Welt, war beim Ausbruch des Vulkans Ätna dabei. Aus diesen Erlebnissen entstand sein erstes Buch "Eine moderne Kreuzfahrt" (1898). Doch die Stärke Karrillons lag in der Verlebendigung der ihm vertrauten Umgebung, des Odenwaldes.

Im Jahr 1900  erschien sein erster Odenwald-Roman "Michael Hely", als Fortsetzungsroman im "Neuen Pfälzischen Kurier" Ludwigshafen . Die Geschichte eines armen Dorfteufels, "ein Prügelknabe des Schicksals", der als Glöckner im Torturm wohnte und den Dorfjungen seltsame Geschichten von seinen Reisen erzählte. Das Vorbild für Michael Hely war der "Schreinersmichel" aus Wald-Michelbach. Hermann Hesse lobte das Buch als "prächtiges Stück Volksgeschichte".

In Wald-Michelbach selbst kam diese unsentimentale Heimatdichtung zunächst nicht so gut an. Karrillon wurde mitgeteilt "dass ein Besuch in seiner Heimatgemeinde seinem körperlichen Wohlbefinden recht abträglich werden könnte". Heute ist in Wald-Michelbach die Grundschule nach ihm benannt - die heutigen Lehrer arbeiten und leben unter komfortableren Bedingungen als sein Vater - und im Überwälder Heimatmuseum  ist im Karrillon-Zimmer unter anderem sein Schreibtisch zu besichtigen.


Karrillon, der so umstandslos schrieb wie er erzählte, schrieb sich mit vielen weiteren Odenwaldromanen in die erste Reihe der großen deutschen Erzähler des 19. Jahrhunderts. "Die Mühle von Husterloh" (1906) gehört dazu. Karrillon schildert darin die existenzielle Auseinandersetzung zwischen dem traditionellen Müller Hans Höhrle und den Dampfmühlen-Besitzern Groß und Moos. Er kannte und verstand die Menschen des Odenwaldes sehr genau, porträtierte sie bunt und wirklichkeitsnah, auch Musikanten und Lebenskünstler wie den "Raubacher Jockel", und er läßt seine Figuren ihre eigene, deftige Sprache sprechen. Aber Karrillon war auch ein Meister der Selbstironie. Titelfigur in dem Novellenband "Bauerngeselchtes" (1914) ist der Arzt "Dr. Ebenich" - eben Ich. Sein Roman "Viljo Ronimus" (1925) liest sich stellenweise wie eine kritische Analyse des heutigen Gesundheitssystems.

35 Jahre wirkte Adam Karrillon als Arzt in Weinheim, als Ruheständler zog er nach Wiesbaden, um sich im mondänen Ambiente ganz der Schriftstellerei zu widmen. Ein Plan, der nicht immer aufging. Karrillon war ein sinnenfroher, genußfreudiger Mensch. "Wenn ich mich zuweilen in eine Sackgasse geschrieben habe und nicht weiß, wie weiterkommen, dann werfe ich die Feder weg und gehe eine Treppe tiefer, um aus dem Keller eine Flasche zu holen". Nicht immer zur Begeisterung seiner Frau Berta. Die hatte zunächst wenig Verständnis für den Mann, der sich tagsüber seinen Patienten und nachts den Kumpanen und der Literatur widmete. Adam Karrillon starb 1938 im Alter von 85 Jahren.Er liegt in Weinheim begraben

Ein zu Unrecht fast vergessener Dichter aus dem Odenwald.

 

 

 

 

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